* 49 *

Auf der Schornsteinkappe der Hüterhütte saß unbemerkt eine Sturmschwalbe. Sie war letzte Nacht vom Sturm hierher verschlagen worden und hatte das Lehrlingsessen mit großem Interesse verfolgt. Und nun beobachtete sie mit einem Gefühl der Zuneigung, wie Tante Zelda sich anschickte, etwas zu tun, wofür sie nach Meinung der Schwalbe seit jeher eine besondere Gabe hatte.
»Die Nacht ist dafür ideal«, sagte Tante Zelda, die auf der Brücke stand, die über den Mott führte. »Wir haben einen herrlichen Vollmond, und ich habe den Mott noch nie so ruhig gesehen. Passen alle auf die Brücke? Rücken Sie doch etwas auf, Marcia, damit Simon noch Platz hat.«
Simon sah nicht so aus, als lege er großen Wert darauf, dass man für ihn Platz machte.
»Oh, kümmert euch nicht um mich«, grummelte er. »Warum mit einer lebenslangen Gewohnheit brechen?«
»Was meinst du damit?«, fragte Silas.
»Nichts.«
»Lass ihn, Silas«, sagte Sarah. »Er hat in letzter Zeit viel durchgemacht.«
»Wir haben alle in letzter Zeit viel durchgemacht, Sarah. Aber wir laufen nicht herum und jammern.«
Tante Zelda klopfte gereizt auf das Brückengeländer.
»Wenn alle Streitigkeiten beigelegt sind, möchte ich daran erinnern, dass wir versuchen wollen, eine Antwort auf eine wichtige Frage zu bekommen. Sind alle bereit?«
Stille senkte sich über die Gruppe. Neben Tante Zelda drängten sich Junge 412, Sarah, Silas, Marcia, Jenna, Nicko und Simon auf der kleinen Brücke. Hinter ihnen lag das Drachenboot, das den Kopf hoch in die Luft über ihnen reckte und mit seinen dunkelgrünen Augen gespannt auf das Spiegelbild des Mondes blickte, das im ruhigen Wasser des Mott schwamm.
Vor ihnen lag, etwas zurückgesetzt, damit das Spiegelbild des Mondes zu sehen war, die Molly mit Alther, der im Bug saß und das Geschehen mit Interesse beobachtete.
Simon hielt sich etwas abseits am Rand der Brücke. Er verstand die ganze Aufregung nicht. Wen interessierte es schon, wo so ein Dreikäsehoch von der Jungarmee herkam? Zumal dieser Dreikäsehoch seinen Lebenstraum zerstört hatte. Die Herkunft von Junge 412 war das Letzte, was ihn interessierte oder jemals interessieren könnte. Und so drehte er sich absichtlich weg, als Tante Zelda den Mond anrief.
»Bruder Mond, Bruder Mond«, sprach Tante Zelda leise, »zeige uns, wenn du magst, die Familie von Junge 412 von der Jungarmee.«
Genau wie schon am Ententeich wurde das Spiegelbild des Mondes immer größer und größer, bis eine riesige runde Scheibe den Mott ausfüllte. Dann zeigten sich verschwommene Schatten, die allmählich immer deutlicher wurden, bis jeder ... in sein eigenes Spiegelbild blickte.
Alle murrten enttäuscht, alle bis auf Marcia, die etwas bemerkt hatte, was den anderen entgangen war, und Junge 412, der keinen Ton herausbrachte. Das Herz klopfte ihm bis zum Hals, und seine Knie fühlten sich an wie Pudding. Hätte er doch nur nicht wissen wollen, wer er war. Eigentlich wollte er es gar nicht mehr wissen. Was, wenn er eine schreckliche Familie hatte? Was, wenn die Jungarmee tatsächlich seine Familie war, wie man ihm gesagt hatte? Oder sogar DomDaniel selbst? Gerade als er Tante Zelda sagen wollte, dass er es sich anders überlegt habe und dass es ihn nicht mehr interessiere, wer er sei, erhob sie die Stimme.
»Die Dinge«, rief sie jedem auf der Brücke in Erinnerung, »sind nicht immer so, wie sie scheinen. Denkt daran, dass der Mond uns immer die Wahrheit zeigt. Wie wir die Wahrheit sehen, hängt von uns ab, nicht vom Mond.«
Sie wandte sich an Junge 412, der neben ihr stand. »Sag mir: Was genau möchtest du sehen?«
Er war über seine Antwort selbst überrascht.
»Ich möchte meine Mutter sehen«, hauchte er.
»Bruder Mond, Bruder Mond«, sagte Tante Zelda leise, »zeige uns, wenn du magst, die Mutter von Junge 412 von der Jungarmee.«
Die weiße Scheibe des Mondes nahm den ganzen Mott ein. Wieder erschienen vage Schatten, bis sie ... in ihre eigenen Spiegelbilder blickten. Schon wieder! Ein allgemeines Murren erhob sich, verstummte aber sofort. Etwas anderes geschah. Ein Anwesender nach dem anderen verschwand aus dem Spiegelbild.
Zuerst verschwand Junge 412 selbst. Dann verschwanden Simon, Jenna, Nicko und Silas und schließlich Marcia und Tante Zelda.
Sarah Heap blickte in ihr Spiegelbild und wartete darauf, dass es wie alle anderen verblasste. Doch es verblasste nicht. Es wurde größer und deutlicher, bis sie ganz allein mitten in der weißen Mondscheibe stand. Jeder konnte sehen, dass es nicht mehr nur ein Spiegelbild war. Es war die Antwort.
Junge 412 starrte wie versteinert auf Sarahs Bild. Wie konnte Sarah Heap seine Mutter sein? Wie?
Sarah hob den Blick vom Wasser und sah Junge 412 an.
»Septimus?«, fragte sie, halb flüsternd.
Aber Tante Zelda wollte Sarah noch etwas zeigen.
»Bruder Mond, Bruder Mond«, sprach sie, »zeige uns, wenn du magst, den siebten Sohn von Sarah und Silas Heap. Zeige uns Septimus Heap.«
Langsam verblasste das Bild Sarah Heaps und wurde ersetzt durch ...
Junge 412.
Allen stockte der Atem, selbst Marcia, die seit ein paar Minuten ahnte, wer Junge 412 war. Nur ihr war aufgefallen, dass ihr Spiegelbild aus dem Bild der Familie Heap verschwunden war.
»Septimus?« Sarah kniete neben Junge 412 nieder und sah ihn forschend an. Er machte große Augen, und Sarah sagte: »Weißt du, ich habe das Gefühl, dass deine Augen langsam grün werden, wie die deines Vaters. Und meine. Und die deiner Brüder.«
»Wirklich?«, fragte Junge 412.
Sarah legte die Hand auf seinen roten Hut.
»Würde es dir etwas ausmachen, den abzunehmen?«, fragte sie.
Junge 412 schüttelte den Kopf. Dafür waren Mütter ja da. Dass sie einem am Hut rumfummeln.
Behutsam nahm sie ihm den Hut ab. Es war das erste Mal, seit ihm Marcia den Hut in Sally Mullins Schlafbaracke aufgesetzt hatte. Strohblonde Locken quollen darunter hervor, als Septimus den Kopf schüttelte, so wie ein nasser Hund, der das Wasser abschüttelt, oder wie ein Junge, der sein altes Leben, seine alten Ängste und seinen alten Namen abschüttelt.
Er wurde der, der er in Wirklichkeit war.
Septimus Heap.